
Die Schließung des Gulag-Historienmuseums in Moskau, die am 14. November 2023 offiziell verkündet wurde, hat nicht nur eine breite Diskussion über die politische Landschaft in Russland angestoßen, sondern auch das Schicksal der historischen Erinnerung an die sowjetischen Repressionen stark beeinflusst. Diese Entscheidung, die mit „Brandschutzverletzungen“ gerechtfertigt wurde, gilt vielen als unplausibel und als Teil eines größeren Trends, der sich gegen die Aufarbeitung der Geschichte und die Auseinandersetzung mit den Verbrechen des Stalinismus richtet.
Am 30. Oktober, zwei Wochen nach dem Tag des Gedenkens an die Opfer politischer Repressionen in Russland, kursierten bereits Gerüchte über die Schließung des Museums in Moskaus Kulturszene. Hochrangige Kremlbeamte und Sicherheitsdienste sollen diese Entscheidung orchestriert haben, womit die Schließung als symbolisches Signal in der sich verändernden Haltung des Kremls zu den sowjetischen Repressionen betrachtet wird. Ein weiterer kritischer Aspekt ist die Entlassung von Roman Romanow, dem Direktor des Gulag-Museums, der sich weigerte, einen Teil über politische Repressionen aus einer Sonderschau zu entfernen, die das Leben in Moskau unter der Sowjetmacht beleuchten sollte. Dies geschah auf Druck von Beamten des Kulturministeriums.
Die Auswirkungen auf die historische Erinnerung
Mit der Schließung des Gulag-Museums wird das letzte Museum, das sich dem politischen Terror widmete, liquidiert. Dies steht in direktem Zusammenhang mit einer im vergangenen Herbst umformulierten Konzeption zur Erinnerung an die Opfer staatlicher Repression, aus der essenzielle Passagen über die Verfolgung von Millionen verschwunden sind. Stattdessen wird nun verstärkt auf Russlands nationale Interessen und die Gewährleistung einer sicheren Gesellschaft verwiesen.
Die Debatte um das Gulag-Museum reflektiert eine tiefgreifende Veränderung in der Sichtweise des Kremls auf die Geschichte. Während zwischen 2012 und 2017 der Fokus auf die sowjetischen politischen Repressionen lag – unterstützt durch Kunstausstellungen und Denkmäler wie das 2017 eingeweihte „Wall of Grief“ – hat sich diese Haltung mittlerweile gewandelt. Der Druck auf Menschenrechtsorganisationen hat in den letzten Jahren zugenommen, während das Gulag-Museum als historische Institution lange verschont blieb.
Neue Erzählungen und Rehabilitierungen
Die Schließung des Museums wird auch durch eine breitere Kampagne zur Überprüfung von Rehabilitierungen von Repressionsopfern unterstrichen. Im Jahr 2023, dem Höhepunkt dieser Überprüfungen, wurden 120 Fälle, die auf annullierte oder abgelehnte Rehabilitierungen hinweisen, registriert. Dabei wurden seit Mitte 2022 über 4000 Rehabilitierungsentscheidungen durch Staatsanwälte aufgehoben. Diese Entwicklungen zeigen, dass der Kreml eine neue narrative Kontrolle über die sowjetische Geschichte anstrebt.
Die Direktorin des Puschkin-Museums äußerte sich kritisch zur Schließung des Gulag-Museums. Sie verdeutlichte, dass die Wahrnehmung der stalinistischen Repressionen zunehmend problematisch wird. Insbesondere wird das Museum oft als unzureichend betrachtet, wenn es darum geht, die politischen Verantwortlichkeiten für die Schrecken der Vergangenheit zu benennen.
In Anbetracht all dieser Faktoren ist klar, dass die Schließung des Gulag-Museums nicht nur eine lokale, sondern auch eine internationale Reaktion unwiderruflich beeinflusst hat. Die Auseinandersetzung mit der stalinistischen Vergangenheit wird immer mehr als politisch heikel angesehen, während die Möglichkeit besteht, dass das Museum in veränderter Form wieder öffnet. Ob und in welcher Weise die historische Aufarbeitung in Russland gepflegt werden kann, bleibt eine drängende Frage für Historiker und Bürgerrechtler.